1. Februar 1951 in der Oststeiermark. Mit schweren Verbrühungen und vor Schmerzen brüllend stürmt eine Bäuerin aus dem Haus. Kurz bevor sie stirbt, nennt sie noch den Namen ihrer Schwägerin.
1. Februar 1951 in der Oststeiermark. Mit schweren Verbrühungen und vor Schmerzen brüllend stürmt eine Bäuerin aus dem Haus. Kurz bevor sie stirbt, nennt sie noch den Namen ihrer Schwägerin.
Mit Hans Breitegger und David Knes
David Knes:
1. Februar 1951 in der Oststeiermark. Mit schweren Verbrühungen und vor Schmerzen brüllend stürmt eine Bäuerin aus dem Haus. Kurz bevor sie stirbt, nennt sie noch den Namen ihrer Schwägerin. Und damit herzlich willkommen bei Delikt, dem Kriminalpodcast der kleinen Zeitung mit Fällen aus der Steiermark und aus Kärnten. Heute wieder mit einem älteren Fall eben aus den 1950er Jahren, beziehungsweise noch ein bisschen davor, darauf werden wir gleich zu sprechen kommen. Und davon erzählt heute der langjährige Kriminalreporter der Kleinen Zeitung, Hans Breitegger. Servus, schön, dass du da bist.
Hans Breitegger:
Servus, David. Danke für die Einladung.
David Knes:
Mein Name ist David Gnees und ich bin der Host dieses Podcasts. Die Unterlagen für diesen Fall sind eine Tatbestandsmappe und auch einige zeitgenössische Zeitungsartikel. Erzähl einmal bitte, was ist eine Tatbestandsmappe und warum hast du die zu diesem Fall?
Hans Breitegger:
Eine Tatbestandsmappe ist angefertigt von den erhebenden Beamten. In dem Fall waren es die Gendarmeriebeamten. Da ist genau beschrieben, wie der Tatort aussieht, wie die Wetterverhältnisse sind, die Abstände der Gebäude. Da ist alles genau festgehalten, genau beschrieben. Dann gibt es Skizzen vom Tatort, Skizzen in dem Fall vom Bauernhof. Es ist genau beschrieben dann der Tatablauf. Das geht dann mit Lichtbildern, mit Zeichnungen versehen an die Staatsanwaltschaft und natürlich auch mit der Strafanzeige, die dann zusätzlich noch verfasst wird. Aber im Wesentlichen steht alles das drinnen, was halt auch bei der Gerichtsverhandlung dann zur Sprache kommt. Allerdings enthält die Tatbestandsmappe keine Zeugenaussagen oder Protokolle über die Einvernahmen von Betroffenen, von Angehörigen, von Zeugen, von Tätern. Das nicht. Aber die Aussagen der Täterin in dem Fall, ist es auch so, sind kurz die Versionen, die sie aufgetischt hat, zusammengefasst und die stehen natürlich schon da. Es ist im Prinzip alles da, aber es ist nicht der ganze Akt.
David Knes:
Es sind auch einige Fotoskizzen drin, das hat sie schon gesagt. Ein paar davon werde ich dann auch auf Instagram hochladen, dann könnt ihr euch auch so ein Bild dazu machen, wie das eigentlich aussieht. Ja, und warum kommst du in diesem Fall zu dieser Tatbestandsmappe? Das ist ja jetzt nicht üblich, dass man das da immer in den Händen hat.
Hans Breitegger:
Grundsätzlich sage ich ja nichts dazu, wie ich zu Unterlagen komme. In dem Fall ist das so lange her, dass das auch im Landesarchiv schon abgelegt ist. Dort kann man das einsehen. Ich habe es allerdings nicht aus dem Landesarchiv. Ich habe es von woanders her. Das sage ich natürlich nicht. Das hat mit Quellenschutz zu tun. Aber grundsätzlich, wenn eine Geschichte so alt ist, kann man im Landesarchiv das natürlich einsehen. Wenn man sich dafür interessiert, man kann den ganzen Akt kopieren. Also grundsätzlich ist das überhaupt kein Problem mehr nach so vielen Jahren, wenn man solche Dokumente in der Hand hat.
David Knes:
Eine Quelle, die sehr niederschwellig zugänglich ist, die ich auch gerne zur Vorbereitung auf so ältere Fälle verwende, ist das ANNO-Portal von der österreichischen Nationalbibliothek, wo eben historische Zeitungen digitalisiert und nach Stichworten absuchbar sind. Also ein Online-Tipp jetzt, wer sich für solche Sachen interessiert. Und da habe ich vorher auch noch ein bisschen nachgelesen. In der Ausgabe des Wiener Kuriers und mit diesem Zitat möchte ich den heutigen Fall beginnen vom 6. Dezember 1951. Da steht folgendes. In den frühen Nachmittagsstunden dieses Tages taumelte plötzlich eine Gestalt. Es war Anna Glatz aus dem Wohnhaus des Anwesens und schleppte sich mit letzter Kraft bis vor die Türe des Nachbarn. Dort brach die Frau zusammen und auch der Arzt, der bald darauf kam, konnte nicht mehr viel helfen. Der ganze Körper der Unglücklichen war mit entsetzlichen Brandwunden über und über besät. Es war die Rosa, sie hat mich umbringen wollen. Das waren die letzten Worte der Frau. Hans, was war das für ein Tag und wo findet das Ganze eigentlich statt? Was waren da die örtlichen Umstände?
Hans Breitegger:
Das Ganze findet bei Friedberg auf einem Bauernhof statt. Diese Wirtschaft hat nach dem Tod seines Vaters 1935 der Alois Glatz übernommen und er hat die Anna geheiratet, das war eine Nachbarin, die war zum Zeitpunkt der Tat 46 Jahre alt. Und da ist es zu Reibereien gekommen, weil die Rosa Glatz, aber auf das kommen wir später noch, eigentlich die Wirtschaft selber haben wollte. Die Rosa Glatz war zum Zeitpunkt 51 Jahre alt, also sechs Jahre älter.
David Knes:
Also die Schwester von Alois.
Hans Breitegger:
Die Schwester von Alois, richtig. Da hat sich unheimlicher Hass und Wut hat sich da aufgestaut gegen die Schwägerin, auch gegen den Bruder hat die Rosa Glatz Aversionen gehabt. Und an diesem 1. Februar 1951, am Vormittag, ist es zur folgenschweren Tat gekommen, in der Küche zwischen Vorhaus und Küche, so hat man das später rekonstruiert, unter Verdacht, wie du schon erwähnt hast, weil das Opfer noch aussagen konnte, wer es war, geriet die Rosa Glatz, damals 51 Jahre alt. Und sie wurde auch gleich festgenommen dann. Die hat verschiedene Versionen aufgetischt. Die erste Version war, ihre Schwägerin habe heißes Fett auf eine Stellage stellen wollen und hat sich dabei selber verbrüht.
David Knes:
Also ein Unfall.
Hans Breitegger:
Also ein Unfall, richtig. Sie wollte, dass das als Unfall aussieht. Das hat natürlich nicht funktioniert, weil anhand der Spuren haben wir nachweisen können, dass das so nicht abgelaufen sein kann.
David Knes:
Und die Anna Glatz hätte ja sonst auch keinen Grund gehabt, da rauszulaufen und ihre Schwägerin zu beschuldigen in ihren letzten lebenden Momenten.
Hans Breitegger:
Auch, ja. Also einen ersichtlichen Grund hätte es nicht gegeben. Die zweite Version war dann, sie hätten einen Streit gehabt und die Anna hätte, also die Schwägerin hätte die Rosa Glatz angegriffen mit heißem Fett. Und die Rosa hat behauptet, sie habe mit einem Deckel von einem Erdapfelkochtopf den Angriff abgewehrt. Und dabei habe sich die Schwägerin verbrüht. Das war die zweite Version. Dann habe sie sich ins Bett geschleppt. Die Rosa hat ihr noch dabei geholfen, so die Behauptung. Und dann habe sie Sauerkraut geholt und wollte der Verletzten Sauerkraut auf die Brandwunden geben. So ein Hausmittel zur Behandlung. Von Verbrühungen offensichtlich. Ich habe das noch nie gehört vorher, aber steht so in den Akten. Und dabei sei sie ein zweites Mal angegriffen worden mit heißem Fett, was völlig unsinnig war, weil da hätte das Opfer, das halbbewusstlose Opfer, wie sie sich zum Bett geschleppt oder wie ihr die Rosa geholfen hat, dass sie ins Bett kommt, das heiße Fett mitnehmen müssen. Also das hat auch nicht gehalten.
David Knes:
Vielleicht kurz auch zitieren aus dieser Tatbestandsmappe. Es hat ja später die Rekonstruktion gegeben, weswegen wir auch so viele Details jetzt dazu wissen und da kommt dieser Bericht zum Schluss eben von dieser Rekonstruktion, ich zitiere, dabei benahm sich Rosa Glatz derart ungeschickt und stellte die einzelnen Momente so unnatürlich und unwahrscheinlich dar, dass angenommen werden musste, dass sich Rosa Glatz niemals in dieser Situation befunden habe.
Hans Breitegger:
Ja, es waren letztendlich die Spuren des Fettes. Dadurch hat man eindeutig nachweisen können, dass das nicht so abgelaufen sein kann. Und zwar, sie hat behauptet, sie sei links gestanden und man hat dann die Spuren mit ihrer Aussage verglichen, die das Fett, was an der Wand geklebt ist, da hat sie Fettspuren gegeben und auf dem Fußboden war auf der rechten Seite. Also man hat ihr nachweisen können, diese Widersprüche und sie hat dann letztendlich bei einer Tatrekonstruktion, die allerdings erst 14 Tage später, drei Wochen später war, ein Teilgeständnis abgelegt und hat zugeben müssen, dass sie sie umbringen wollte und hat auch das Motiv genannt, aber auf das kommen wir später noch.
David Knes:
Ja Hans, du hast jetzt schon erwähnt, die Wut oder von Hass war damals in den zeitgenössischen Zeitungsberichten auch die Rede, also von einer mit Hass aufgeladenen Frau war da einmal zu lesen. Das spielt in einer anderen Tat, die später ans Licht kommen wird, aber sich einige Jahre zuvor zugetragen hat, spielt das dann auch eine Rolle. Und deswegen, lass uns vielleicht beginnen mit der Familiengeschichte jetzt in der Kurzversion. Weil Rosa Glatz, sie war ja die Schwester von Alois Glatz, der den Hof später bewirtschaftete, aber sie selbst war da in einer unglücklicheren Situation. Sie musste nämlich einige Jahre zuvor den Hof verlassen, um, ich glaube, als Magd zu arbeiten. Wie ging es dann weiter?
Hans Breitegger:
Ja, 1935, ich glaube, ich habe es eh schon kurz erwähnt, ist der Vater gestorben. Und der Alois Glatz hat die Wirtschaft übernommen, hat dann die Anna geheiratet, das habe ich vorhin erwähnt und die Rosa Glatz musste vom Bauernhof weg, das war halt, weiß ich nicht wieso, wollte sie nicht dort bleiben, durfte sie nicht dort bleiben, das geht aus den Akten nicht hervor. Aber Faktum ist, sie hat jahrelang bis zum Jahr 1940, also 1940 ist sie dann gnadenhalber zurück, durfte sie gnadenhalber, so geht es aus den Unterlagen hervor, zurück auf den Hof. Zuvor hat sie diese fünf Jahre immer bei Bauern arbeiten müssen, als Landarbeiterin, als Magd. Und wie gesagt, 1940 kommt sie dann zurück auf den Hof.
David Knes:
Aber dort ist sie dann nicht ebenbürtig mit dem Alois oder mit dessen Frau oder Anna Glatz, sondern sie darf nur niedrige Arbeiten verrichten und so bauen sich dort diese Spannungen auf.
Hans Breitegger:
Nicht nur niedrige Arbeiten, Frondienst würde ich das gar nicht bezeichnen, sondern sie kam zurück, wurde mit Pflichten versehen, hatte aber keine Rechte. Sie hat auf dem Dachboden gewohnt, sie hat arbeiten müssen, auch schwere Arbeiten, nicht nur niedrigere Arbeiten, sondern auch schwere Arbeiten. Aber sie hat gesehen, wie ihr Bruder seine Frau, seine Gattin verwöhnt hat. Die hat zwei Kinder geboren, das Ehepaar hat dann zwei Buben gehabt und zwei Kleine. Und da hat sie eben gesehen, das ist eine Familie und sie ist da nicht in diesem Familienbetrieb und das gehört der Hof nicht ihr. Und der große Wunsch und das große Ziel war immer, dass der Hof, der Bauernhof, dass das einmal ihr gehört. Und das war eben nicht der Fall, weil der Vater hat das eben, wie es damals üblich war, halt den Mann übergeben und dem Fall den Alois.
David Knes:
Du hast jetzt den Vater angesprochen. Du hast schon erwähnt, der ist einige Jahre zuvor gestorben. Und das wird jetzt noch ein Thema. Denn im Zuge der Aufklärung des Mordes an der Anna Glatz, durch diese Angriffe mit siedendem Fett, kommt ein zweites Verbrechen zutage. Was ist da passiert?
Hans Breitegger:
Naja, das war zunächst einmal als Unfall abgelegt. Der ganze Akt war ein Unfallakt, den die Gendarmerie in Friedberg gehabt hat und dann die Staatsanwaltschaft auch an die Staatsanwaltschaft Graz geschickt hat, was mir nicht ganz erklärlich ist.
David Knes:
4, 5 Jahre zuvor war das?
Hans Breitegger:
Das war im 1947, im November, ich glaube am 16. November 1947. Damals ist die 73-jährige Johanna Glatz, das ist die Mutter der Rosa Glatz und des Alois Glatz, in der Jauchengrube aufgefunden worden. Die Rosa hat behauptet, sie sei von der Viehweide zurückgekommen und habe dort ihre Mutter vorgefunden. Sie konnte sie allein nicht bergen, hat einen der beiden Kinder zum Nachbarn geschickt. Die Nachbarin ist gekommen, die beiden Frauen haben dann das Opfer herausgezogen, die hat noch ein bisschen gelebt. Sie haben es gewaschen und haben es ins Bett gelegt und den Arzt gerufen. Die Nachbarin ist nach Hause und als Arzt gekommen, die Ärztin eigentlich, das war ein Ärzte-Ehepaar, weil später hat sich auch der Arzt damit auseinandergesetzt, kurz darauf. Da ist dann die Mutter neben dem Bett gelegen.
David Knes:
Also in einem unbeobachteten Moment sei sie aus dem Bett gefallen, so die Version der Rosa Glatz.
Hans Breitegger:
Ja, die hat halt behauptet, nachdem die Nachbarin weg ist, ist sie auch aus dem Zimmer gegangen und wie sie zurückgekommen ist, ist die Rosa Glatz neben dem Bett gelegen und hat sich Kopfverletzungen zugezogen, zwei Wunden am Kopf. Eine haben die Ärzte gar nicht entdeckt, aber eine haben sie gesehen und da hat die Ärztin und dann später ihr Mann, der sich das noch einmal angeschaut hat, bereits festgestellt, dass da Fremdverschulden vorhanden sein könnte. Warum man dann die Leiche nicht obduziert hat, warum man nicht weiter ermittelt hat, weiß ich nicht. Jedenfalls ist das als ein Unfall abgetan worden. Die Frau ist gestorben, die Johanna Glatz, ist beerdigt worden und am 4.4.1951, also drei Tage nachdem die Rosa Glatz ihre Schwägerin Anna umgebracht hat, und hat der Gendarmerie-Posten Friedberg, die Kriminalabteilung der Gendarmerie, angefordert, weil berechtigter Verdacht da war, dass die Johanna Glatz auch umgebracht worden sein könnte. So, und dann haben die Ermittlungen eingesetzt und sie hat dann das auch zugeben müssen, weil es gar nicht anders gehen konnte. Sie ist damals von der Viehweide gekommen, früher alles geplant von der Viehweide zurückgekommen Sie hat dann auf die Mutter abgepasst, die Mutter aus dem Haus gekommen ist, hat sie von hinten in die Jauchengrube gestoßen Dann hat das gestimmt mit der Nachbarin, dass die beiden Frauen das Opfer herausgezogen haben Das hat alles so gestimmt, wie sie es geschildert hat Was sie dann natürlich wieder anders dargestellt hat, war der Sturz aus dem Bett Das war kein Sturz, sondern sie hat mit einer Hacke zweimal auf die Frau eingeschlagen und hat es dann vor das Bett geworfen. Das Motiv war auch wieder Hass und Wut auf die Mutter, weil sie hat die Mutter verantwortlich gemacht dafür, dass sie den Hof nicht bekommen hat. Zum einen. Zum zweiten, so hat sie behauptet, das hat sich nie beweisen lassen, habe die Mutter 1935 ihren Vater, der Rosa ihren Vater, vergiftet. Sie hat behauptet, sie hat gesehen, wie die Mutter dem Vater ins Essen Gift gemischt hat und sie wollte, dass die Mutter genauso gewaltsam stirbt, wie der Vater gestorben ist. Aber wie gesagt, das war ihre Version. Es ist auch nie etwas herausgekommen. Noch ein grausames Detail, das ich bisher nicht erwähnt habe. Sie hat die Mutter, das Gesicht der Mutter noch in die Jauchengrube gedrückt und sie so versucht zu ersticken, was ihr nicht ganz gelungen ist, weil die Mutter noch Lebenszeichen für sich gegeben hat, geröchelt hat, wie sie es herausgezogen haben.
David Knes:
Also dieser Mord, der dann im Zuge des zweiten Verbrechens aufgeklärt wird, hat sich im Jahr 1947 zugetragen, der andere Mord dann 1951 und da kam es dann auch zum Prozess, nämlich im Dezember 1951 stand die Rosa Glatz vor den Geschworenen, wo sie dann auch versucht hat, ihr Geständnis noch einmal zurückzuziehen und hat sich da, ich zitiere noch einmal aus dem Zeitungsartikel von zuvor, nur ein bisschen schuldig gefühlt. Wie haben die Geschworenen diese Geschichte gesehen und wie ist das alles ausgegangen?
Hans Breitegger:
Ja, man muss ein bisschen auf den Prozess und auf die Gutachten eingehen. Sie wollte wiederum, dass das mit ihrer Mutter Unfall war. Sie hat dann den Spieß umgedreht, was die Schwägerin betroffen hat und hat gesagt, die Schwägerin habe die Mutter umgebracht und nicht sie. Das war alles nicht glaubwürdig. Und so ist sie dann verurteilt worden, auf das kommen wir noch, aber was ich noch vorher erwähnen wollte, das ist ein Bericht im Neuen Österreich, das war eine Zeitung, Neues Österreich, und da schreiben sie, das Los unterscheidet sich grundsätzlich vom Schicksal des Weibes im Schönherdrama, nicht ihren Mann, ließ Rosa Glatz ermorden, sie hat vielmehr ihre Mutter und Schwägerin eigenhändig und zwar auf bestialische Weise umgebracht. So die Einleitung und dann geht man ein bisschen ein auf den Prozess und was mich auch beeindruckt hat, der Satz, so verabscheuungswürdig die Taten der Angeklagten sind, ein gewisses Mitleid kann man der verhärmten und abgearbeiteten Frau nicht versagen. Also das sagt eigentlich schon aus, dass sie nicht aus ihrer Haut konnte. Und sie war der Meinung, der Hof wäre für sie bestimmt gewesen, den hätte sie bekommen müssen. Und da hat sie der Hass und die Wut aufgestaut und sie war abgerackert. Sie hatte ja ständig sehr schwere Arbeiten bei diversen Bauern und auch zu Hause verrichten müssen. Das geht eindeutig aus diesem Satz hervor. Ich habe schon gesagt, als der Vater starb, hat der Bruder den Besitz übernommen. Das ist bei Gericht ja auch ein großes Thema gewesen. Und die Rosa, wie gesagt, ist 1940 dann zurück auf diesen Hof. Der Hass und dieser Groll gegen die Familie, gegen Bruder, Schwägerin, Mutter hat sich aufgestaut, hat sich gesammelt. Sie hat das aber Jahre verbergen können, geschickt verborgen, bis das Ganze dann explodiert ist, 1947.
David Knes:
Sie hat ja da in beiden Fällen, glaube ich, einfach auf den richtigen Moment gewartet. Also das ging auch aus den Erhebungsprotokollen beziehungsweise den Zeitungsartikeln hervor, dass sie da recht lange auf den Moment gewartet hat, erstens wo sie die Mutter ermorden konnte, die Johanna Glatz und dann später auch ähnlich bei ihrer Schwägerin. Also das waren ja beides Momente, wo ihre Opfer gerade alleine waren.
Hans Breitegger:
Ja schon, aber das hat nicht so viele Jahre gedauert. Also da hätte sie wahrscheinlich auch vorher schon die Möglichkeit gehabt, Gelegenheit gehabt, diese Taten auszuführen. Aber es hat sich der Hass, sie war nicht so weit, dass sie gesagt hat, ich bringe die um zunächst. Aber im Laufe der Jahre ist dieser Mordplan gereift. In dem Zusammenhang möchte ich dann noch auf das psychiatrische Gutachten eingehen. Das psychiatrische Gutachten schildert die Angeklagte als eine Frau, in deren primitiver Vorstellungswelt das Wort Besitz dominierte. Das ist auch sehr aussagekräftig. Von Wut und Neid zerfressen, schreibt der Psychiater, musste sie ja aus ihr ein, mit ansehen, wie die Schwägerin von ihrem Mann zärtlich verwöhnt wurde, Kinder bekam und ihren Besitz mehrte, während Rosa Glatz nur Armut und lebenslange Fron für fremde Menschen kannte. Also ich glaube, dass das sehr aussagekräftig ist und aus dieser Perspektive betrachtet ist, glaube ich, verständlich jetzt, warum sich so viel Hass und so viel Wut entwickelt hat.
David Knes:
Das ist ja was, was glaube ich so gut wie jeden Fall, über den wir hier bei Delikt sprechen, eint. Es gibt immer irgendeine oder fast immer irgendeine Art von Kränkung, die dann diese Gefühle, diese Abneigung heranwachsen lassen und dann schließlich auch in ein Gewaltverbrechen eskalieren lassen können.
Hans Breitegger:
Das ist richtig. Das haben wir immer wieder. Und man hat in der Zeit, in den 50er Jahren, 40er, 50er, 60er Jahren, da war es ja auch so, dass ein Bauernhof noch einen anderen Wert gehabt hat als heute. Heute müssen Bauern oft schauen, dass sie Nachfolger haben. Damals war es doch so. Die Familie war größer, da waren mehrere Mitglieder da und eigentlich war man nicht abgeneigt, den Hof zu übernehmen und teilweise waren auch Frauen so besessen davon, dass sie Besitzerinnen werden und das hat halt nicht funktioniert, weil man immer den männlichen Nachfolger ausgesucht hat oder den älteren ausgesucht hat.
David Knes:
Sie hat auch nur eine ganz kleine Auszahlung damals bekommen, die ihr natürlich nicht gereicht hat, um irgendwie selbst eine Existenz aufzubauen.
Hans Breitegger:
Nein, sie war in Armut, wenn man so will. Und der Bruder hat eine Wirtschaft besessen, war der Herr, der Bauer. Und sie war nichts, sie war nur eine Arbeiterin auf dem elterlichen Anwesen. Und das hat halt alles dazu beigeführt, aber das ist ja keine Entschuldigung, dass man zwei Menschen auf so bestialische Art und Weise, es kommt ja noch dazu, es war ja, wenn man denkt, mit Fett jemanden umbringen oder in der Jauchengrube ertränken, da gehört schon was dazu.
David Knes:
Vielleicht ein Aspekt noch, um dem Zeitgeist ein wenig Rechnung zu tragen. In den Medien wurde Rosa Glatz immer wieder der Weibsteufel genannt und dagegen hat sie sich dann auch noch vor Gericht gewehrt und lauthals gerufen, ich bin kein Weibsteufel und eben diese Verbrechen dann zuletzt wieder abgestritten, dann wieder zugegeben, da gäbe es ein Hin und Her. Aber wie ging es letztendlich aus für sie?
Hans Breitegger:
Sie ist als oststeirischer Weibsteufel bezeichnet worden. Und hat dann geschrieben beim Prozess, ich bin kein Weibsteufel, ich wollte nur zu meinem Recht kommen. Also sie ist davon ausgegangen, sie ist im Recht, der Hof gehört ihr. Das war der springende Punkt. Und dann sagt sie noch dazu, die Schwägerin hat mich so lange gequält, bis ich mir nicht mehr anders helfen konnte. was natürlich eine Schutzbehauptung war. Es geht nirgends hervor, dass die Schwägerin...
David Knes:
Wie das Verhältnis genau war.
Hans Breitegger:
Wie das Verhältnis war. Es ist auch nicht so, dass man sagen könnte... Also ich habe nirgends herausgelesen, dass die Schwägerin das große Monster war auf dem Hof. Das habe ich nicht gelesen. Möglicherweise hat sie sich so gefühlt. Möglicherweise ist diese Annahme dadurch entstanden, weil sie halt das tun hat müssen, was mir angeschafft hat. Sie war Befehlsempfängerin. Sie hat nicht sagen können, du machst das zu der Schwägerin, sondern die Schwägerin hat es ihr gesagt, du machst das. Das war halt so. Und dann, was noch interessant ist, es waren ja sehr viele Bauern als Zuhörer, die haben es ja gekannt, die Rosa Glatz. Und da ist dann, wie sie behauptet hat, dass die Schwägerin sie so lange gequält hätte, bis sie nicht mehr anders konnte. und das zur Tat gekommen ist, haben diese Bauern, die die Rosa Glatz gekannt haben, dann zum Schreien begonnen und mit Lynchjustiz gedroht. Das ist ja zu Hause geartet, dass der Richter dann sogar gedroht hat, den Saal zu räumen.
David Knes:
Also wilde Szenen, die sich dann letztendlich auch noch vor Gericht abgespielt haben. Was jetzt noch fehlt, ist das Urteil. Ich nehme an, sie ist für schuldig befunden worden. Was war denn ihre Strafe?
Hans Breitegger:
Sie ist am 7. Dezember 1951 zu einer lebenslangen Haftstrafe, also lebenslanger schwerer Kerker hat es damals geheißen, verurteilt worden. Und zwar als Doppelmörderin. Das war eindeutig Mord in beiden Fällen davon. Das haben die Geschworenen auch so entschieden.
David Knes:
Hans Breiteneder, danke, dass du uns diesen Fall aus den späten 40ern, frühen 50ern des letzten Jahrhunderts diesmal mitgebracht hast. Ein interessanter Einblick in diese Zeit und die bäuerlichen Verhältnisse und auch die Probleme, die damals diese Menschen hatten. Ich sage vielen Dank, dass ihr diesmal dabei wart bei Delikt. Falls ihr Fragen habt zum Podcast, schreibt mir gerne jederzeit an david.gnes.at.at und falls ihr das Handy gerade zur Hand habt, gebt uns gerne eine gute Bewertung auf Apple Podcasts, eine Rezension zum Beispiel oder auf Spotify, wo auch immer. Hans, hast du noch eine Nachricht an unsere Zuhörerinnen und Zuhörer?
Hans Breitegger:
Ja, die Bitte, möglichst viele Podcasts zu hören, ständig und viele Podcasts zu hören.
David Knes:
Okay, also bei Delikt gibt es inzwischen, glaube ich, schon ca. 150 Folgen.
Hans Breitegger:
Ich meine ja nur Delikt natürlich.
David Knes:
Da kann man auf alle Fälle einiges nachholen, falls man neu beim Podcast dabei ist. Also das geht schon über fünf Jahre inzwischen zurück, hoffentlich noch mehr als fünf Jahre weiter und damit sage ich bis zum nächsten Mal.