delikt – Wahre Verbrechen aus Österreichs Süden

Mord im Jugoslawien-Express

Episode Summary

April 1969. Die Italienerin Elena B. verabschiedet sich von ihrer Tochter, nachdem sie einige Tage mit ihr in Bayern verbracht hatte und steigt in einen Zug, in den Jugoslawien Express. Einige Stunden später, bei einem Halt in Villach, finden Mitreisende die Frau blutüberströmt in ihrem Abteil. Mit Claudia Beer-Odebrecht und David Knes

Episode Transcription

DAVID KNES

 

00:00:00

 

April 1969. Die Italienerin Elena B. verabschiedet sich von ihrer Tochter, nachdem sie einige Tage mit ihr in Bayern verbracht hatte und steigt in einen Zug, den Jugoslawien-Express. Einige Stunden später, bei einem Halt in Villach, finden Mitreisende die Frau blutüberströmt in ihrem Abteil.

 

DAVID KNES

 

00:00:30

 

Herzlich willkommen bei Delikt, dem Kriminalpodcast der Kleinen Zeitung mit Fällen aus der Steiermark und aus Kärnten. In Kärnten, da befinde ich mich heute in der Klagenfurter Redaktion und begrüße meine Kollegin Claudia Bär-Oderbrecht. Grüß dich.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:00:51

 

Hallo David.

 

DAVID KNES

 

00:00:52

 

Ja, Claudia, für unseren heutigen Fall begeben wir uns etwas weiter in die Vergangenheit, nämlich ins Jahr 1969. Diesen Fall hast du für die Serie Tatort Kärnten aufgearbeitet, für die du regelmäßig ältere Kriminalfälle recherchierst. Unsere Zuhörerinnen und Zuhörer wissen das schon. Aber was ist an diesem Fall das Besondere für dich?

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:01:15

 

Der Mord im Jugoslawien-Express gilt heute noch als einer der rätselhaftesten ungeklärten Kriminalfälle in Österreich. Es ist einer der ersten Mordfälle in Österreich mit einem fahrenden Tatort, der international für Aufsehen gesorgt hat, der auch eine internationale Fahndung ausgelöst hat. Der Fall ist auch ein Beispiel dafür, wie Täter inmitten von Hunderten Menschen zuschlagen und scheinbar für immer entkommen. Und er steht auch exemplarisch für die Schwierigkeiten grenzüberschreitender Ermittlungen in einer Zeit ohne Datenbanken und moderner kriminaltechnischer Verfahren. Man muss sich vorstellen, es gab 260 potenzielle Mörder und viele Blutspuren. Und für gewöhnlich sind so ein eingegrenzter Täterkreis und Spuren am Tatort gute Voraussetzungen dafür, dass ein Fall schnell gelöst werden kann. Doch es kam anders. Der Täter ist bis heute auf der Flucht. Man vergisst oft, dass ein Verbrechen nicht endet, nicht vergessen wird, nur weil so viel Zeit vergangen ist. Wenn es keinen Täter gibt, kein Motiv, gibt es auch keine Gerechtigkeit. Und für die Familie der Opfer bedeutet das, ein ganzes Leben ohne Antwort.

 

DAVID KNES

 

00:02:30

 

Ja, das hört man immer wieder, dass eben das Schwierige ist an diesen ungelösten Fällen, dass man dort wirklich auch irgendwann einmal zu einem Abschluss kommt. Gehen wir zurück in das Jahr 1969 an dem Abend vor der Tat. Es ist der 12. April und wie so oft bei Verbrechen, über die wir hier sprechen, ist die Ausgangssituation eine ganz gewöhnliche.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:02:54

 

Ja, das stimmt. Die 61-jährige Italienerin Elena B., sie kommt aus der Provinz Udine, hat die Osterfeiertage bei ihrer Tochter in Bayern verbracht. Und nach neun Tagen bringt sie ihre Tochter zum Hauptbahnhof nach München. Elena B. hat die Strecke schon oft zurückgelegt, sie kennt den Ablauf, sie kennt den Zug. Und es ist dann alles von dieser Situation her vertraut. Es ist 22:55 Uhr. Der Jugoslawien-Express, das ist ein internationaler Nachtzug, der Basel, München, Österreich und Jugoslawien verbindet, steht zur Abfahrt bereit. Der Zug, der über Villach fährt, führt gleich nach der Lok von dem Postwagen, zwei Kurswagen nach Triest, die dann in Villach an den Italia-Express angekoppelt werden. Und in einem der Kurswagen steigt die Elena B. ein. Sie ist froh, ein leeres Abteil zu finden und verabschiedet sich dann daraufhin von ihrer Tochter. Die Tochter sagt dann Ciao Mama und ahnt nicht, dass es dann ein Abschied für immer sein wird. Die Witwe bezieht ihren Platz im Liegewagen und verstaut ihr Gepäck. Sie hat einen schwarzen Koffer bei sich, eine braune und eine schwarz karierte Reisetasche, einen Plastiksack und eine schwarze Lederhandtasche. In der Handtasche hat sie eine Geldtasche und in dieser befinden sich rund 50.000 Lire Bargeld und 100 Deutsche Mark.

 

DAVID KNES

 

00:04:25

 

Ja, dass man hier ein Gespür bekommt, wie viel das ist, das entspricht. Wir haben das uns vorher ein wenig durchgerechnet. Also nach heutiger Kaufkraft, inflationsbereinigt, entspricht das ein paar hundert Euro, die sie dabei hat. Also nicht ganz wenig Geld, aber jetzt auch keine enorm hohe Summe, nachdem die 50.000 Lire vielleicht im ersten Moment klingen. Wenn man sich erinnern kann, waren das ja dann immer größere Summen, die man in Italien mitführen müsste. Aber da kann man sagen, in Summe, also die Lire und die Mark, das entspricht der Kaufkraft von einigen hundert Euro.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:04:58

 

Ja, das Abteil ist so, wie es Elena B. gewohnt ist. Eine enge Koje, gedämpftes Licht, eine Tür zum Gang, Sicherheit durch die Nähe, also ein voller Zug. Und trotzdem ist man allein und sie fühlt sich sicher. Trotzdem ist mitten in dieser Sicherheit dieses Verbrechen passiert. Der Zug setzt sich in Bewegung. Die meisten Reisenden schlafen, andere gehen leise durch den Gang. Es scheint eine scheinbar ruhige Reise zu sein.

 

DAVID KNES

 

00:05:29

 

Ja, die Reise, die blieb aber alles andere als ruhig. Wann kam es denn dann zu diesem Verbrechen, über das wir heute sprechen?

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:05:37

 

Den genauen Zeitpunkt des Verbrechens kann man nicht mehr feststellen. Man kann ihn nur eingrenzen. In der Nacht legte der Zug mehrere Stopps in Österreich ein. Gegen 2:05 Uhr hält er in Schwarzach St. Veit in Salzburg. Dort werden weitere Kurswagen angekoppelt. Bei der anschließenden Fahrzeugkontrolle bittet Elena B. den Schaffner, sich die Heizung in ihrem Abteil anzusehen. Es sei ja viel zu kalt, sie friere. Der Schaffner prüft die Heizung, stellt aber fest, dass sie einwandfrei funktioniert. Er sagt ihr nichts davon, weil er glaubt, sie schlafe ohnehin. Und tatsächlich, die Elena B. war bereits eingeschlafen. In Dorfgastein kontrolliert eine Zugdienstfrau die Toiletten, auch jene im Waggon, in der sich die Italienerin befindet. Der Frau fällt zu diesem Zeitpunkt nichts auf, die Toiletten waren in Ordnung. Dann hält der Zug noch in Bad Gastein und in Spital an der Drau. Jeweils nur kurz. Der Schaffner öffnet immer die Abteiltür und fragt, ob jemand zugestiegen ist, macht aber kein Licht. Ob Elena B. da bereits schwer verletzt im Abteil lag, wird sich deshalb nicht mehr erklären lassen. Kurz nach 4 Uhr früh erreicht der Zug den Bahnhof Villach. Die beiden italienischen Kurswagen werden an den Italia-Express nach Rom angehängt und in einem davon befindet sich die Elena B. Nach Abschluss des Verschubmanövers hören zwei Italienerinnen aus dem Nebenabteil ein leises Stöhnen. Sie sehen nach und machen eine grauenhafte Entdeckung. Die Frau liegt bewusstlos und blutüberströmt auf dem Boden. Sie lebt noch. Das Abteil war bis zum Gepäcknetz blutbespritzt. Ein Schock für die Frau und sie schlagen sofort Alarm und verständigen den italienischen Schaffner, der wiederum verständigt den österreichischen Schaffner. Beide alarmieren sofort die Polizei und ein Beamter der Villacher Kriminalpolizei ist als erstes am Tatort. Er ist bereits im Zug gewesen, weil er gerade mit der Passkontrolle begonnen hat.

 

DAVID KNES

 

00:07:30

 

Die Ermittler, die haben dann in der Zugtoilette diese blutverschmierte Handtasche gefunden, bei der die Geldtasche gefehlt hat. Und damit war klar, dass es sich nicht um einen Unfall gehandelt hat.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:07:44

 

Ja, und ein zweites Indiz war, dass die Ermittler in der zweiten Toilette auch ein blutgetränktes Taschentuch gefunden haben. Das muss der Täter vergessen haben, denn man hat später festgestellt, das gehörte der Elena B. Sie hatte das Tuch über ihre Handtasche gelegt, weil sie diese in der Nacht als Kopfkissen benutzt hatte. Und damit war klar, die Ermittler haben es mit einem Raubmord zu tun. Die Italienerin ist dann im Landeskrankenhaus Villach an den Folgen ihrer schweren Kopfverletzungen gestorben. Ihre Tochter hatte es gerade noch ans Krankenbett geschafft. Bemerkenswert war, dass die Kärntner Landesregierung die Kosten für die Überführung und die Beisetzung von Elena B. übernommen hat. Das war also ein sehr unüblicher Schritt.

 

DAVID KNES

 

00:08:31

 

Ich nehme an, die Kärntner haben dann auf Hochtouren ermittelt. Und im Vergleich zu vielen anderen Verbrechen, da gab es ja eine Menge Spuren, Spuren, die auch Rückschlüsse über den Tatablauf zuließen. Was kannst du dazu sagen?

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:08:46

 

Ja, der Tatablauf konnte anhand der Spuren gut rekonstruiert werden. In der Strafanzeige vom 6. Mai 1969 an die Staatsanwaltschaft Klagenfurt heißt es wortwörtlich:

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:08:57

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:09:33

 

Das heißt, die Ermittler vermuten, dass die Tatwaffe ein kantiger, schwerer Gegenstand war, vermutlich ein Stück Eisen. Und der Angriff war so brutal, dass sie eben diese schwersten Kopfverletzungen erlitten hat. Der Angriff muss auch sofort gewesen sein, nachdem er die Tür aufgemacht hat, denn sie hatte keine Möglichkeit mehr, um Hilfe zu rufen. Sie wurde erschlagen und beraubt und das nur wenige Meter von anderen Fahrgästen entfernt. Niemand bekommt etwas mit. Während sich die Einsatzkräfte auf das schreckliche Verbrechen im Waggon Nummer 210 konzentrieren, bricht der restliche Zug in Richtung Jugoslawien auf und mit ihm wahrscheinlich auch der Täter.

 

DAVID KNES

 

00:10:16

 

Wir haben schon darüber gesprochen, dass es jetzt sehr viele Spuren gegeben hat am Tatort in diesem Zug und auch viel Klarheit über den Tatablauf an sich. Aber die Ermittlungen haben sich dann trotzdem von Anfang an als sehr schwierig herausgestellt.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:10:32

 

Nachdem die Elena B. in Villach gefunden worden war, übernahm die Gendarmerie in Kärnten den Fall und die österreichischen Behörden haben dann wirklich sofort mit den Ermittlungen begonnen. Der Fall war deshalb schwierig, das haben wir eingangs schon gesagt. Es handelt sich um einen fahrenden Tatort. Es war ein Nachtzug, in dem viele Reisende waren und der Täter hat dann die Anonymität und die Dunkelheit genutzt, um unbemerkt zu verschwinden. In diesem Jugoslawien-Express fuhren hauptsächlich Gastarbeiter und Reisende im unteren Lohnsegment. Insgesamt haben sich zu diesem Zeitpunkt 260 Passagiere im Zug befunden. Viele davon lebten im Ausland und waren nur durchreisend. Der Polizei gelang es deshalb, lediglich 17 Fahrgäste zu identifizieren und als Zeugen zu befragen. Somit blieben über 240 mögliche Zeugen unbekannt.

 

DAVID KNES

 

00:11:24

 

Und die, die man befragen konnte, was haben die ausgesagt?

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:11:29

 

Mehrere Zeugen berichteten von eigenartigen Personen, die sich zwischen den Abteilen bewegt haben, Türen geöffnet haben oder neugierig in die Abteile hineingestarrt haben. Ein junges Paar sagte aus, er sei eingeschlafen, allein im Abteil. Als er später erwachte, fanden sich plötzlich drei fremde Männer ihnen gegenüber. Das Paar glaubte später, dass es Jugoslawen gewesen sind. Eine ältere Frau gibt an, dass sich ein eigenartiger junger Mann neben ihr bequem gemacht hat, ohne ein einziges Wort zu sagen und sie den Zugbegleiter deshalb gebeten hat, ab und zu nach ihr zu sehen. Ein Schaffner erinnert sich an einen rund 40 Jahre alten Mann in einem abgetragenen Anzug mit verbundenen Fingern, der ihm bei der Fahrkartenkontrolle über die Schulter schaute und ihm verdächtig erschien. Der Mann fällt später auch einem anderen Schaffner auf, weil er eine Fahrkarte nach Laibach besitzt, aber ohne Gepäck unterwegs war. Auch eine andere Zeugin berichtet von einem Mann, der plötzlich die Tür aufgemacht hat und wortlos wieder schloss, so als würde er gezielt nach jemandem suchen. Die Ermittler standen vor einer gewaltigen Aufgabe, nämlich diese Personen nachträglich ausfindig zu machen. Man musste davon ausgehen, dass die Reisenden längst in ganz Europa verstreut waren, von Salzburg, Belgrad, Triest, Wien. All diese Zeugenaussagen ließen auf verdächtige Fremde im Zug schließen, auf mögliche potenzielle Täter oder Komplizen. Doch keiner dieser Hinweise führte je zu einer verlässlichen Spur. Man muss sich vorstellen, 1969 gab es weder Passagierlisten noch moderne Forensik, keine DNA-Technik, keine Videoüberwachung. Der Täter wurde später lediglich als wahrscheinlich männlich beschrieben, aber theoretisch könnte es natürlich auch eine Frau gewesen sein. Anhand der Spuren und Aussagen der Schaffner vermuteten die Ermittler, dass Elena B. zwischen Dorfgastein und Villach überfallen wurde. Aber auch diese Erkenntnis brachte die Gendarmerie nicht weiter. Die Ermittlungen gerieten nach und nach ins Stocken und trotz mehrerer öffentlicher Aufrufe in Zeitungen und im Radio gab es nur wenige Fahrgäste des Jugoslawien-Expresses, die sich tatsächlich bei der Gendarmerie meldeten. Der leitende Ermittler vom Landesgendarmeriekommando meinte gegenüber der Kleinen Zeitung, dass eine Klärung des Verbrechens ohne die intensive Mithilfe der Bevölkerung nicht möglich sei.

 

DAVID KNES

 

00:13:54

 

Aber es hat am Anfang durchaus konkrete Verdächtige gegeben trotzdem.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:13:59

 

Ja, es hat zahlreiche Überprüfungen verdächtiger Personen gegeben, auch durch die Carabinieri im Raum Udine und es gab tatsächlich ein paar anfänglich konkret Verdächtige. Am 15. April berichtete die Kleine Zeitung von einer ersten heißen Spur von einem jungen Burschen in rotem Pullover. Ermittler sprechen von einem ersten greifbaren Hinweis durch den Schaffner. Dieser hat angegeben, einen rund 22-jährigen Burschen mit langen Haaren gesehen zu haben. Er hat ihn als Gammler-Typ beschrieben und auffällig war, dass er zwischen Salzburg und Gastein mehrmals die Zugabteile gewechselt hat, obwohl es zum Wechseln eigentlich keinen Anlass gegeben hat, da der Zug schwach besetzt war und die Kurswagen von München nach Triest überhaupt leer waren. Der Bursche trug einen roten Pullover und hatte kein Gepäck und für seine Ergreifung wurde eine Belohnung von 5.000 Schilling ausgesetzt. Und nach Hinweisen, dass der Bursche sich in Spittal und in Pörtschach aufhält, fuhr die Gendarmerie in diese Gegend mit Lautsprecherwagen durch die Straßen und rief die Bevölkerung auf, bei der Fahndung nach dem Gammler-Typen mitzuhelfen. Doch der blieb verschwunden. Es hat dann noch andere Verdächtige gegeben, aber alle Spuren sind quasi im Sand verlaufen.

 

DAVID KNES

 

00:15:23

 

Ein kleiner Einwurf hier noch. Gammler-Typ hast du jetzt erwähnt, mehrfach den Begriff. Das wissen jetzt vielleicht nicht alle Hörerinnen und Hörer. Deswegen habe ich gestern noch die Definition herausgesucht und Wikipedia nennt Gammler:

 

DAVID KNES

 

00:15:40

 

DAVID KNES

 

00:15:59

 

Nur als Bemerkung am Rande verwendet man, glaube ich, heute nicht mehr so den Begriff.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:16:03

 

Ja, genau, das hat man dann so bezeichnet, weil er die Haare bis zum Nacken gehabt hat, die Haare so lange.

 

DAVID KNES

 

00:16:10

 

Zurück zu den Ermittlungen. Hier hofften die Behörden auf Fortschritte mithilfe des damals noch ziemlich neuen Fernsehformats. Das ist ein Format, das erst zwei Jahre zuvor erstmals on air ging.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:16:23

 

Genau, der Fall hat rasch eine internationale Dimension angenommen. Es gab einen österreichischen Tatort, ein italienisches Opfer und mutmaßliche ausländische Täter und Zeugen. Und daher erstreckten sich die Ermittlungen ja nicht nur auf Österreich, sondern auch auf Italien, Jugoslawien und auch die deutschen Sicherheitsbehörden halfen mit. Und weil das alles nichts brachte, hat sich die Gendarmerie dann an die Verantwortlichen der ZDF-Fernsehsendung Aktenzeichen XY ungelöst gewandt und hofften dort um Hilfe. Tatsächlich, also bereits fünf Monate nach der Tat, wurde der Fall Elena B. in der Sendung am 12. September 1969 aufgegriffen und Millionen Zuschauer verfolgten dann in der Folge die rund 18 Minuten lange aufwendig gestaltete Rekonstruktion des Verbrechens im Jugoslawien-Express. Der bekannte Moderator, der war ja damals auch schon bekannt, der Eduard Zimmermann, griff in dieser Live-Sendung nämlich zu einem ungewöhnlichen Mittel. Um den Tatort besser veranschaulichen zu können, hat er im Studio einen exakt nachgestellten drei Meter langen Modelleisenbahnzug des Jugoslawien-Expresses aufgebaut und hat dann den Zusehern diese komplexe Abfolge der 17 Waggons erklärt, damit sie wissen, wo genau das Verbrechen passiert ist. Also er hat dann genau detailliert erklärt, wann, wo, welcher Waggon abgekoppelt und weitergeleitet worden ist. Der Fall selbst wurde dann in nachgestellten Filmszenen mit Schauspielern erzählt. Das war auch für die damaligen Verhältnisse etwas Besonderes.

 

DAVID KNES

 

00:18:04

 

Ja, sehr aufwendig. Da sieht man dann Totalaufnahmen von diesem Zug. Es ist alles wirklich sehr aufwendig gestaltet mit den Schauspielern, wo sich die Tochter von ihrer Mutter Elena B. dort verabschiedet. Und ja, also heute würde es vielleicht nicht mehr so auffallen, aber damals schon eine Neuigkeit kurz vor der Einführung des Farbfernsehens.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:18:25

 

Ja, genau, ja.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:18:27

 

Und der Kärntner Ermittler wurde zugeschaltet aus Wien, aus dem ORF-Studio Wien und neben ihm saß der damals schon bekannte ORF-Moderator Teddy Podgorski, der später auch ORF-General war. Beide appellierten an die Zuseher, sich zu melden. Es wurden auch Arbeitgeber aufgerufen, ihre Unterlagen zu prüfen, ob womöglich Arbeiter gerade in diesem Zeitraum auf Urlaub gegangen waren und deshalb im Zug gewesen sein könnten. Es wurde auch eine Belohnung von 10.000 Schilling für entscheidende Hinweise ausgesetzt und die Resonanz auf die Sendung war gut, aber es kamen nur vage Vermutungen und unbestätigte Beobachtungen. Diese Folge von Aktenzeichen XY gilt rückblickend als früher Klassiker in dieser Reihe und hat in Fankreisen bis heute Kultstatus. Und man findet diese Folge in voller Länge, in einschlägigen Foren und ist sehenswert. Aktenzeichen XY hat den Fall Elena B. dann noch einmal aufgegriffen und zwar am 12. Dezember 1969. In der Sendung wurde ein vergoldeter Manschettenknopf gezeigt, der möglicherweise dem Täter gehörte. Er wurde bei einer Nachsuche im Zug entdeckt, aber auch diese Spur blieb ohne Erfolg.

 

DAVID KNES

 

00:19:44

 

Aber die ganze Sache hat mittlerweile natürlich auch, abgesehen von diesem Format, medial hohe Wellen geschlagen und die Beunruhigung darüber, dass so etwas passieren konnte, beziehungsweise die Sorge darüber, dass so etwas sich wiederholen konnte, die wurde sogar zum Politikum, hast du geschrieben.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:20:03

 

Das Entsetzen war groß, vor allem in Italien und Österreich und auch in Kärnten war man sehr beunruhigt, weil man stellte sich die Frage, wie konnte der Täter inmitten Dutzender Fahrgäste morden und dann entkommen, zumal ein Ermittler gegenüber der Kleinen Zeitung damals sagte, der Täter musste buchstäblich in Blut gebadet gewesen sein. Und dann fragt man sich schon, warum ist das niemandem aufgefallen? Der muss ja eine blutverschmierte Kleidung gehabt haben oder wie konnte er verschwinden? Die Behörden versuchten zu beruhigen. Sie betonten, dass es sich um einen äußerst seltenen Fall handelt. Trotzdem führte die Tat zu erhöhter Wachsamkeit, sowohl beim Zugpersonal als auch bei den Reisenden. Und ich habe dann eine interessante parlamentarische Anfrage an den damaligen Innenminister aus dem Jahr 1972 gefunden, also drei Jahre nach dem Mord im Jugoslawien-Express. Der Innenminister wurde gefragt, welche Maßnahmen er ergriffen hat, um nach diesem Zugmord die Sicherheit der Fahrgäste in österreichischen Eisenbahnzügen wiederherzustellen. Und weil es bekannt war, dass es in den Zügen jährlich nicht nur immer wieder zu Gewaltdelikten kommt, sondern auch zu rund 1.100 Taschendiebstählen, meist zum Nachteil von Gastarbeitern. Und die Antwort des Innenministers war, dass man in der Zusammenarbeit mit den deutschen Sicherheitsbehörden festgestellt hat, wie die Täter vorgehen. Und gerade in solchen Nachtzügen, wie es bei der Elena B. war, schlagen die Diebe besonders gern zu und ihre Opfer sind ausschließlich schlafende Reisende. Und wenn sie dann vom Zugpersonal kontrolliert werden, behaupten sie auf der Suche nach einem freien Platz zu sein.

 

DAVID KNES

 

00:21:41

 

Und der Minister informierte auch, dass die Sicherheitsbehörden nach dem Raubmord per Erlass angewiesen wurden, diesen Vorgängen, insbesondere auf Bahnhöfen, ein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Die Bundespolizeidirektion Salzburg wurde angewiesen, Merkblätter in den Muttersprachen der Gastarbeiter zu verteilen, in denen vor Dieben gewarnt wird. Man hat auch festgestellt, dass die Diebe auch allgemeine Tumulte verursachen, um dann eben an das Gepäck zu kommen. Oder dass sie eben besonders fürsorglich auftreten und älteren Menschen helfen, das Gepäck zu tragen und so. Also man hat dann sehr viel in die Präventionsarbeit investiert. Und hat aber zusätzlich auch in den meist überfüllten Zügen auf den Hauptgastarbeiterrouten, also im Jugoslawien-Express zum Beispiel, hat man zusätzlich Personal abgestellt. Also in Kärnten waren laut der Anfragebeantwortung 20 Beamte für die Überwachung abgestellt. Und zwar wöchentlich ein Gendarm in Uniform und zweimal monatlich werden diese Züge von Beamten in Zivil begleitet. Man muss sich vorstellen, also die Zahl der Reisenden auf dieser Strecke betrug 1971 2,7 Millionen, wovon 85 Prozent Gastarbeiter waren.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:23:03

 

Du hast gesagt, diese Diebstähle, die geschahen meist zulasten der Gastarbeiter, vielleicht noch zur Einordnung. Ich kann mir vorstellen, das war, weil die eben dann, die haben ja in Deutschland gearbeitet, haben viele wahrscheinlich noch Familie gehabt im damaligen Jugoslawien und werden dann in ihren Urlauben oder Heimatbesuchen dann viel von dem Geld, was sie damals verdient haben, so wie es damals ja noch großteils üblich war, in bar ausbezahlt bekommen haben und dann vielleicht in bar damit gereist sind. Und somit waren die natürlich ein attraktives Ziel für Kriminelle. Könnte das so gewesen sein?

 

DAVID KNES

 

00:23:37

 

Ja, das ist sicher so gewesen.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:23:40

 

Damit sind wir am Ende von diesem Fall. Was ist dein Fazit?

 

DAVID KNES

 

00:23:44

 

Man hofft natürlich immer, dass vielleicht doch noch irgendein Hinweis auftaucht oder vor allem, dass moderne kriminaltechnische Methoden den Fall aufklären könnten. Ich wüsste jetzt nicht, dass irgendjemand, dass eine Behörde diesen Fall wieder aufgegriffen hat mittlerweile. Es ist einfach ein Cold Case und für die Familie wird es wahrscheinlich nie Antworten geben. Vom Täter gibt es keine Spuren.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:24:13

 

Wenn er überhaupt noch lebt. Also der Mord wäre natürlich nicht verjährt in Österreich. Aber wenn wir sagen, er war damals um die 30, dann wäre er mittlerweile knapp 90 Jahre alt. Da ist es dann auch fraglich, ob der überhaupt noch zur Verantwortung gezogen werden könnte. Und natürlich nach so vielen Jahren ohne Spuren ist das nicht die oberste Priorität der Behörden,

 

DAVID KNES

 

00:24:35

 

hier noch weiter zu ermitteln.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:24:35

 

Also die Chancen sind eher gering. Ja, eine Parallele noch, die wird vielen vielleicht schon beim Klicken auf den Titel dieser Folge aufgefallen sein. Die wollen wir auch nicht unerwähnt lassen. Es gibt eine Menge Parallelen zu einem sehr bekannten Buch von Agatha Christie, das 1937 erschien. Du kennst den Titel?

 

SPEAKER3

 

00:24:59

 

Mord im Orient-Express.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:25:01

 

Hast du es gelesen?

 

SPEAKER3

 

00:25:01

 

Ich habe den Film gesehen.

 

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

 

00:25:07

 

Den Film habe ich vor einer Zeit lang gesehen und das Buch war einer meiner ersten Kriminalromane. Ich habe trotzdem kurz nachlesen müssen, was die Handlung war. Es geht um den bekannten Detektiv Hercule Poirot aus Belgien, eben den Star in den Agatha-Christie-Romanen. Und der reist in dem legendären Orient-Express. Ergattert gerade noch ein Abteil von Istanbul nach Calais ist er gefahren. Und irgendwo in Jugoslawien ist die Strecke dann von Schnee blockiert. Und genau da wird dann ein amerikanischer Reisender mit zwölf Messerstichen getötet. Die Telegrafenmasten sind ausgefallen. Also es gibt keine Polizei. Und der Mörder muss noch an Bord sein. Das weiß man, weil es führen im Schnee keine Fußspuren weg von diesem Abteil. Also irgendwie, man sieht hier ein paar Parallelen. Und es stellt sich heraus, dass der Tote, das Opfer, selbst ein Verbrecher ist, namens Cassetti, der Jahre zuvor ein Mädchen, Daisy Armstrong, entführt und ermordet hat, sich aber der Justiz immer entziehen konnte. Und Poirot beginnt dann Ermittlungen, aber jede Spur, jeder Möglichkeit, der er nachgehen wird, die wird durch Zeugen entkräftigt und es herrscht große Verwirrung. Er löst diesen Fall letztendlich. Ich will es hier nicht spoilern, falls jemand die Handlung aus dem Jahr 1937 noch nicht kennt oder sie vergessen hat. Der Film sowohl als auch das Buch eine große Empfehlung. Vielleicht jetzt noch ausnahmsweise zum Abschluss von unserer heutigen Delikt-Folge. Ansonsten sage ich dir, liebe Claudia, vielen Dank, dass du uns diesen Fall heute mitgebracht hast. Und auch euch, lieben Zuhörerinnen und Zuhörern, vielen Dank fürs Dabeisein. Falls ihr Fragen habt zum Podcast, erreicht ihr mich unter david.gnes.at.at. Bis zum nächsten Mal bei Delikt.