5. Juli 2025 in Klagenfurt. Im gut besuchten Europapark fällt einem Arbeiter eine Tasche in einem Gebüsch auf. Der starke Verwesungsgeruch lässt Schlimmstes vermuten. Wenig später bestätigt die Polizei, dass es sich um die Leiche eines Neugeborenen handelt.
Anfang Juli 2025 wird im Klagenfurter Europapark die Leiche eines neugeborenen Buben entdeckt – eingewickelt in ein Handtuch, versteckt in einer Tasche im Gebüsch. Die Gerichtsmedizin kann weder die Todesursache zweifelsfrei klären noch feststellen, ob das Kind lebend zur Welt kam. Trotz umfangreicher Ermittlungen, Zeugenaufrufen, Phantombildern und dem Einsatz eines forensischen Entomologen bleiben die Eltern bis heute unbekannt. Die am Handtuch gefundene DNA der mutmaßlichen Mutter ergab keinen Treffer in der Datenbank.
Die Episode beleuchtet auch den breiteren Kontext solcher Fälle: Kindstötungen oder das Aussetzen von Neugeborenen geschehen häufig in extremen psychischen Ausnahmesituationen – begleitet von Angst, Scham, Überforderung oder sozialer Not.
Dabei gibt es in Österreich konkrete Hilfsangebote: von der anonymen Geburt im Krankenhaus bis zur Babyklappe. Diese Möglichkeiten sollen Frauen in verzweifelten Situationen einen sicheren und legalen Ausweg bieten – ohne dass ihre Identität bekannt wird.
Manuela Kalser hat den Fall für die Kleine Zeitung recherchiert und spricht in dieser Ausgabe von delikt mit Host David Knes über die Hintergründe, ähnliche Fälle, die psychischen Ausnahmesituationen hinter solchen Taten und über bestehende Hilfsangebote.
Hilfsangebote für Mütter und Familien:
Seit 2001 gibt es in Österreich die Möglichkeit der anonymen Geburt. Die Frauen werden im Krankenhaus medizinisch und psychologisch betreut, müssen aber keine Namen und Daten angeben. In Kärnten ist die anonyme Geburt in allen Krankenhäusern möglich. Der diesbezügliche Kontakt zum Klinikum Klagenfurt ist hier möglich: anonymegeburt@kabeg.at.
Nach der Geburt übernimmt vorerst der Kinder- und Jugendhilfeträger die Obsorge für das Kind. Die Mutter hat nach der Geburt sechs Monate Zeit, sich zu melden, falls sie die Freigabe zur Adoption rückgängig machen möchte. Bleibt die Mutter anonym, wird die Adoption rechtskräftig.
Die Babyklappe (Babynest) ermöglicht Müttern in Ausnahmesituationen, ihr Baby straffrei abzugeben. Eine Übersicht, wo sich Babyklappen befinden, findet man unter www.gesundheit.gv.at.
Telefonseelsorge der Caritas Kärnten ist unter der Nummer 142 rund um die Uhr erreichbar. Die Frauen-Helpline unter 0800/222-555 (kostenlos, rund um die Uhr), weitere Infos gibt es hier www.frauenhelpline.at. Die Kärntner Beratungshotline für Frauen und Mädchen kann unter 0660/244 24 01 angerufen werden.
DAVID KNES:
5. Juli 2025 in Klagenfurt. Im gut besuchten Europapark fällt einem Arbeiter eine Tasche in einem Gebüsch auf. Der starke Verwesungsgeruch lässt Schlimmstes vermuten. Wenig später bestätigt die Polizei, dass es sich um die Leiche eines Neugeborenen handelt.
Herzlich willkommen bei Delikt, dem Kriminalpodcast der Kleinen Zeitung mit Fällen aus der Steiermark und Kärnten. Ich melde mich heute aus der Klagenfurter Redaktion und begrüße recht herzlich Manuela Kalser.
MANUELA KALSER:
Hallo David.
DAVID KNES:
Schön, dass du dir heute wieder die Zeit für diesen Podcast nimmst.
MANUELA KALSER:
Sehr gerne.
DAVID KNES:
Kommen wir gleich zum Fall. Ich habe es eingangs schon erwähnt: Es war Samstag, der 5. Juli des vergangenen Jahres, gegen 8.30 Uhr. Mitarbeiter der Stadt Klagenfurt waren im Europapark unterwegs. Das ist der größte Park in Klagenfurt, direkt neben dem Wörthersee und dem Strandbad. Auch Minimundus ist dort in der Nähe.
In diesem Park gibt es eine kleine Anhöhe, den Iriskogel. „Kogel“ ist vielleicht etwas übertrieben, aber jedenfalls eine kleine Erhebung. Dort fiel den Mitarbeitern an diesem heißen Julimorgen ein starker, unangenehmer Geruch auf. Was ist dann passiert?
MANUELA KALSER:
Die Mitarbeiter wollten natürlich wissen, woher dieser Geruch kommt. Sie gingen dem nach und entdeckten unter einem Gebüsch eine Tasche. Als sie die Tasche öffneten, sahen sie etwas wirklich Schreckliches: Knochenteile in einer breiigen Masse. Die Mitarbeiter konnten das nicht zuordnen und verständigten sofort die Polizei.
DAVID KNES:
Und die ist wahrscheinlich sofort gekommen?
MANUELA KALSER:
Ja, genau. Die Polizei rückte aus und sperrte den Bereich rund um den Iriskogel im Europapark ab.
Ziemlich genau zu diesem Zeitpunkt war ein Kollege von mir in der Nähe des Europaparks unterwegs, weil dort in der Ostbucht des Wörthersees an diesem Tag die „Starnacht“ stattgefunden hat – diese große Schlagershow, die viele kennen. Er war bei der Pressekonferenz zu diesem Event und sah bei der Rückfahrt die Absperrung im Europapark.
Da ich Wochenenddienst hatte, rief er mich an und erzählte mir davon.
DAVID KNES:
Du hast dich dann sofort an die Arbeit gemacht. Wie gehst du als Journalistin mit so einer eher vagen Erstinformation um?
MANUELA KALSER:
So eine kleinere Polizeisperre kann natürlich alles bedeuten. Ich habe dann begonnen herumzutelefonieren und erfahren, dass Knochen gefunden wurden.
Zunächst hieß es noch, man wisse nicht, ob es sich um Tierknochen oder menschliche Überreste handelt. Aber ich habe mich dann mit meiner Kollegin Claudia Berodeprecht beraten und uns war eigentlich sofort klar, dass da wohl etwas Schlimmeres dahintersteckt.
DAVID KNES:
Man muss dazu sagen: An diesem Tag herrschte dort reges Treiben. Der Europapark ist vor allem im Sommer ein beliebtes Ausflugsziel und Treffpunkt. Auch viele Veranstaltungen finden dort statt – du hast die Starnacht schon erwähnt.
MANUELA KALSER:
Ja, ich kann mich noch genau erinnern: Der 5. Juli war ein extrem heißer Sommertag. Im Europapark war die Hölle los. Menschenmassen pilgerten zum See, ins Strandbad und zur Starnacht-Bühne. Alle Parkplätze waren voll.
Ich bin dann mit einem unserer Fotografen auf der Vespa hinausgefahren, weil man mit dem Auto keinen Parkplatz bekommen hätte.
Vor Ort sprach ich mit einem Polizisten, der die Überreste gesehen hatte. Wenig später bemerkte ich die Spurensicherung und sah auch, wie ein Team der Gerichtsmedizin aus Graz eintraf. Spätestens da war für mich klar, dass es sich um einen Leichenfund handelt.
Die Polizei sagte offiziell zwar noch immer, dass es auch ein Tier sein könnte. Ich habe damals mit Polizeisprecher Werner Pucher gesprochen. Das hören wir uns kurz an.
MANUELA KALSER:
Herr Pucher, was können Sie zum jetzigen Zeitpunkt zu dem Fund im Europapark sagen?
WERNER PUCHER, BEZIRKSINSPEKTOR:
Heute in den frühen Morgenstunden kam es zu einem Fund durch Mitarbeiter der Stadt Klagenfurt im Europapark. Es handelt sich um eine Tasche mit stark verwestem Inhalt. Auch Knochenteile befanden sich darin. Welcher Natur beziehungsweise Herkunft diese sind, kann derzeit noch nicht kommuniziert werden.
Es ist eine gerichtliche Obduktion erforderlich, die von der Staatsanwaltschaft bereits angeordnet wurde.
DAVID KNES:
Am Anfang war also vieles unklar. Wie haben die vielen Menschen im Europapark auf die Situation reagiert?
MANUELA KALSER:
Die Situation war schon heftig. Die Besucher der Starnacht und die Urlauber rundherum bekamen von dem Polizeieinsatz kaum etwas mit, weil die Polizei sehr bewusst dezent vorging.
Es waren nur zwei Einsatzfahrzeuge vor Ort, der abgesperrte Bereich war klein. So kam es, dass Menschen lachend, fotografierend und feiernd – in Badekleidung oder Abendmode – an jener Stelle vorbeigingen, an der gerade eine Leiche gefunden worden war.
Das war schon makaber. Auf der einen Seite menschliche Überreste, hundert Meter weiter Musik, Bühne und Badebetrieb. Aber so ist das Leben eben manchmal: Leid und Freude liegen nah beieinander.
DAVID KNES:
Wir wissen inzwischen, dass es sich um menschliche Überreste handelte. Wann wurde das bestätigt?
MANUELA KALSER:
Gegen 18 Uhr kam die offizielle Bestätigung der Polizei: Es handelte sich um die Leichenteile eines Babys – konkret um einen neugeborenen Buben.
DAVID KNES:
Wurde sonst noch etwas über die Umstände bekannt?
MANUELA KALSER:
Ja. Die Leichenteile wurden in einer Tasche gefunden. In dieser Tasche befand sich noch eine weitere Tasche, und darin – in ein Handtuch gewickelt – die Leiche des Kindes.
DAVID KNES:
Was ergaben die Ermittlungen zur Todesursache? Weiß man, ob es sich um eine Tötung oder um eine Totgeburt gehandelt hat?
MANUELA KALSER:
Nein. Die Gerichtsmedizin konnte nicht feststellen, ob das Baby tot zur Welt kam oder nach der Geburt getötet wurde. Der Verwesungsprozess war bereits zu weit fortgeschritten.
Die Frage, wie das Kind gestorben ist, bleibt bis heute offen.
DAVID KNES:
Also von Anfang an viele offene Fragen. Wie ging die Polizei weiter vor?
MANUELA KALSER:
Zunächst startete die Polizei einen großen Zeugenaufruf. Schon bald meldete sich eine interessante Zeugin.
DAVID KNES:
Was hat sie berichtet?
MANUELA KALSER:
Die Frau sagte, sie sei am 29. Juni zwischen 6.30 Uhr und 9 Uhr im Europapark spazieren gewesen – also sechs Tage vor dem Fund.
Sie meinte, ein Baby weinen gehört zu haben.
DAVID KNES:
Aber sie hat auch etwas gesehen.
MANUELA KALSER:
Ja. Auf dem Iriskogel gibt es mehrere Parkbänke. Die Zeugin sagte, sie habe dort einen Mann sitzen sehen. Eine blonde Frau lag mit dem Kopf auf seinem Schoß. Beide wirkten sehr jung – etwa 15 bis 17 Jahre alt.
DAVID KNES:
Den erhofften Durchbruch brachte diese Aussage aber nicht.
MANUELA KALSER:
Nein. Die Ermittler hofften weiter auf Hinweise. Zunächst wurden weitere Zeugenaufrufe gestartet. Danach veröffentlichte die Polizei Bilder der Tasche, in der die Leichenteile gefunden worden waren.
DAVID KNES:
Es war eine eher unauffällige, hellblaue Tasche mit Aufschriften wie „Dream“, „Sleeping“ oder „Scandinavian Living“ – offenbar eine Tasche vom Möbelhaus Jysk, vermutlich für Bettwäsche oder Decken.
MANUELA KALSER:
Genau. Außerdem veröffentlichte die Polizei Phantombilder der beiden Personen, die von der Zeugin beschrieben worden waren.
DAVID KNES:
Diese Bilder wurden damals in ganz Österreich gezeigt. Beide Personen wirkten sehr jung. Nach ihnen wird bis heute gesucht.
Gab es nach der Veröffentlichung irgendwelche brauchbaren Hinweise?
MANUELA KALSER:
Es gab viele Hinweise, sogar konkrete Namen. Aber keiner führte zum entscheidenden Durchbruch.
Polizei und Staatsanwaltschaft versuchten wirklich alles. Unter anderem wurde auch ein forensischer Entomologe beigezogen – also ein Insektenforscher. Er sollte anhand der Insekten an der Leiche feststellen, wie lange das Baby dort gelegen hatte.
DAVID KNES:
Hat das neue Erkenntnisse gebracht?
MANUELA KALSER:
Ja. Laut diesem Gutachten dürfte der Tod des Babys tatsächlich in den letzten Junitagen eingetreten sein. Das deckt sich mit der Zeugenaussage vom 29. Juni.
DAVID KNES:
Wurden an der Tasche Spuren gefunden?
MANUELA KALSER:
Ja. Am Handtuch, in das der Säugling gewickelt war, wurde DNA entdeckt – mit einem weiblichen Merkmalsmuster. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich um die DNA der leiblichen Mutter handelt.
Die DNA wurde mit der Datenbank abgeglichen, aber es gab keinen Treffer. Die betreffende Person war also offenbar nie erkennungsdienstlich erfasst worden.
DAVID KNES:
Das bedeutet, dass dieser Fall bis heute ungeklärt ist.
MANUELA KALSER:
Ja. Vor allem die wichtigste Frage bleibt offen: Wie ist das Baby gestorben?
Was man weiß: Das Kind wurde ohne Hebamme und ohne professionelle Hilfe geboren. Die Nabelschnur wurde scharf abgeschnitten – vermutlich von Mutter oder Vater.
DAVID KNES:
Gibt es Stand Mai 2026 neue Erkenntnisse?
MANUELA KALSER:
Nein. Auch zehn Monate nach dem Fund gibt es keinen Durchbruch. Die Ermittlungen sind weitgehend ausgeschöpft.
DAVID KNES:
Was man an dieser Stelle erwähnen muss: Fälle dieser Art kommen leider immer wieder vor. In den allermeisten Fällen handelt es sich um Mütter in extremen Ausnahmesituationen.
Der letzte große Fall war im September 2025 in Graz. Dort wurde ein lebloses Neugeborenes auf einem Carport gefunden. Die 20-jährige Mutter wurde festgenommen. Im Raum stand der Tatbestand „Tötung eines Kindes bei der Geburt“ nach Paragraph 79 Strafgesetzbuch.
Es konnte aber nicht zweifelsfrei festgestellt werden, ob das Kind bei der Geburt noch lebte. Die Ermittlungen wurden deshalb eingestellt.
Auch im Burgenland wird aktuell gegen mehrere Personen ermittelt, nachdem im Jänner am Grenzübergang Nickelsdorf ein totes Baby gefunden wurde.
Und in Wien wurde eine 21-Jährige verurteilt, weil sie ihren Sohn nach der Geburt auf einer Toilette in einem Hotel getötet hatte.
Warum es für solche Fälle einen eigenen Straftatbestand gibt und nicht etwa Mord oder Totschlag angewendet wird – darüber hast du mit einem Juristen gesprochen.
MANUELA KALSER:
Ja, ich habe mit Christian Liebhauser-Karl gesprochen, dem Sprecher des Landesgerichts Klagenfurt.
Er erklärt, dass es sich bei Paragraph 79 um ein privilegiertes Tötungsdelikt handelt. Der Gesetzgeber berücksichtigt dabei, dass Frauen während und unmittelbar nach der Geburt unter außergewöhnlichen psychischen und hormonellen Belastungen stehen.
Deshalb werden solche Fälle rechtlich anders bewertet als Mord oder Mordversuch.
DAVID KNES:
Die Kleine Zeitung hat in solchen Fällen auch immer wieder Hintergrundberichte veröffentlicht. Kollegin Monika Schachner hat 2024 mit dem Psychiater Michael Schneider gesprochen, dem Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie 2 am LKH Graz Süd.
Er sagt: In manchen Fällen kommt es nach der Geburt zu schweren psychischen Ausnahmezuständen – oft ausgelöst durch das Verdrängen der Schwangerschaft, massive hormonelle Veränderungen oder schwierige soziale Umstände.
Auch Missbrauch, Gewalt, Armut oder psychische Erkrankungen können eine Rolle spielen.
Man unterscheidet dabei unter anderem zwischen postpartaler Psychose und postpartaler Depression.
Ich werde diese Hintergrundartikel in den Shownotes verlinken.
MANUELA KALSER:
Ich finde, wir sollten diesen Podcast auch dazu nutzen, auf Hilfsangebote aufmerksam zu machen.
Im Zuge meiner Recherche habe ich mit einer Hebamme gesprochen und mir angesehen, welche Möglichkeiten es in Österreich gibt – etwa die anonyme Geburt oder die Babyklappe.
DAVID KNES:
Was versteht man unter einer anonymen Geburt?
MANUELA KALSER:
Dabei kann eine Frau ihr Kind anonym im Krankenhaus zur Welt bringen, ohne ihren Namen nennen zu müssen. Sie und ihr Kind werden medizinisch betreut.
Allein im Klinikum Klagenfurt gibt es durchschnittlich zwei anonyme Geburten pro Jahr.
Die Frauen bleiben tatsächlich vollständig anonym. Selbst die betreuenden Hebammen kennen die Namen nicht.
Die Frauen erhalten ein Codewort, mit dem sie Kontakt aufnehmen können. Im Klinikum Klagenfurt betreuen nur zwei Hebammen solche Fälle.
DAVID KNES:
Und darüber hast du mit Hebamme Christina Kulle gesprochen.
CHRISTINA KULLE, HEBAMME:
Wenn eine Frau sagt, sie möchte eine anonyme Geburt, dann klären wir sie auf und schauen gemeinsam, welche Möglichkeiten es gibt – vielleicht Unterstützung, vielleicht Adoption oder vielleicht doch ein Weg, das Baby behalten zu können.
Die Frau bleibt absolut anonym. Wir fragen keine persönlichen Daten ab. Natürlich sprechen wir über ihre Situation, um helfen zu können, aber anonym heißt wirklich anonym.
DAVID KNES:
Was passiert danach mit dem Kind?
MANUELA KALSER:
Das Kind kommt zunächst zu Pflegeeltern, später meist zu Adoptiveltern.
Christina Kulle hat gesagt: Diese Kinder werden oft über Umwege doch noch zu absoluten Wunschkindern.
DAVID KNES:
Sie hat dir aber auch erzählt, wie schwer diese Situation für die Frauen ist.
MANUELA KALSER:
Ja. Viele Frauen sehen einfach keinen anderen Ausweg. Die Gründe sind unterschiedlich – Gewaltbeziehungen, Vergewaltigungen oder andere Krisensituationen.
Besonders wichtig sei ihr, dass die Mutter dem Kind einen Brief hinterlässt. Viele anonym geborene Kinder wollen später wissen, woher sie kommen.
DAVID KNES:
Wir haben auch über die Babyklappe gesprochen.
MANUELA KALSER:
Ja. Ich habe mir die Babyklappe in Klagenfurt angesehen. Dort gibt es ein kleines Gebäude mit einem Fenster. Dahinter steht ein liebevoll vorbereitetes Babybett.
Hören wir uns an, wie Christina Kulle das erklärt.
CHRISTINA KULLE, HEBAMME:
Man kann das Fenster ganz einfach öffnen und das Baby hineinlegen. Es gibt dort auch Informationsmaterialien, etwa zum psychiatrischen Krisendienst oder zum Frauenhaus.
Außerdem bekommt man ein Codewort, falls man später Kontakt aufnehmen möchte.
Erst wenn die Tür wieder geschlossen ist und etwas Zeit vergangen ist, kommt ein Team vom Kinderklinikum und kümmert sich um das Baby.
Das Wichtigste ist: Das Kind wird nicht irgendwo unbeobachtet abgelegt.
MANUELA KALSER:
Christina Kulle spricht mit großem Respekt über diese Frauen. Besonders beeindruckt hat mich folgender Satz von ihr:
CHRISTINA KULLE, HEBAMME:
Frauen, die ihr Kind anonym zur Welt bringen oder in eine Babyklappe legen, handeln verantwortungsvoll und zeigen große Stärke. Dafür möchte ich wirklich Danke sagen – zum Wohl von Mutter und Kind.
DAVID KNES:
Dem haben wir nicht mehr viel hinzuzufügen – außer dem Hinweis, dass wir alle wichtigen Anlaufstellen und Informationen in die Shownotes packen.
Kommen wir noch einmal zurück zum Fall im Europapark. Was bleibt für dich davon übrig?
MANUELA KALSER:
Ich weiß nicht, ob man die Eltern jemals finden wird. Aber ich weiß, dass so etwas heute eigentlich nicht mehr passieren müsste. Es gibt Hilfsangebote.
DAVID KNES:
Einen besonders erschütternden Fall gab es schon Jahre zuvor ebenfalls in Klagenfurt.
MANUELA KALSER:
Damals legte eine Frau ihr neugeborenes Baby in eine Mülltonne. Eine Anrainerin entdeckte das weinende Kind beim Müllwegbringen.
Sie reagierte geistesgegenwärtig, nahm das Baby heraus, wärmte es unter ihrer Jacke und verständigte die Rettung.
Das Kind hatte bei der Einlieferung nur noch 21 Grad Körpertemperatur – überlebte aber.
DAVID KNES:
Wurde die Mutter gefunden?
MANUELA KALSER:
Zunächst nicht. Doch vier Jahre später gab es plötzlich einen DNA-Treffer. Ein Ermittler hatte die DNA des Kindes immer wieder mit der Datenbank abgeglichen.
So kam man schließlich auf die Mutter.
DAVID KNES:
Es kam zur Anklage.
MANUELA KALSER:
Ja. Die Frau wurde wegen versuchter Tötung eines Kindes bei der Geburt angeklagt.
Die Verhandlung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Frau erschien damals komplett vermummt im Gerichtssaal.
Am Ende sagte der Richter nur: „Das Allerwichtigste ist, dass es dem Baby gut geht.“
DAVID KNES:
Wie lautete das Urteil?
MANUELA KALSER:
Zunächst zwei Jahre Haft, davon acht Monate unbedingt. Das Oberlandesgericht Graz reduzierte die Strafe später auf vier Monate unbedingte Haft.
DAVID KNES:
Und was wurde aus dem Kind?
MANUELA KALSER:
Der Bub lebt gesund bei einem Paar in Kärnten, das sich schon lange ein Kind gewünscht hatte und auf der Adoptionsliste stand.
Vielleicht ist das ein kleines versöhnliches Ende dieser schweren Folge.
DAVID KNES:
Manuela, danke, dass du diesen schwierigen Fall mitgebracht und so einfühlsam darüber gesprochen hast. Und danke auch dafür, dass du auf die Hilfsangebote aufmerksam gemacht hast.
Euch danke ich fürs Zuhören bei Delikt. Bis zum nächsten Mal.
MANUELA KALSER:
Bis zum nächsten Mal. Danke.